Winter-Rindenhelmling?

Es gibt 10 Antworten in diesem Thema, welches 696 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Bihlerben.

  • Guten Tag,


    ich habe heute einen einzelnen weißen, helmlingsähnlichen Fruchtkörper auf einem Rindenstück gefunden. In der Nähe waren hauptsächlich Hasel und Kiefer. Mit Rindenerkennung tu ich mich schwer, aber das Stück könnte für mich Kiefernrinde sein.


    Farbe: Hut, Blätter und Stiel weiß

    Hut: gebuckelt, wie beflockt wirkend

    Blätter: konkav und am Stiel etwas bogig herablaufend

    Blätteranzahl: etwa 15

    Stiellänge: 20 mm

    Hutdurchmesser: 4 mm


    Bilder habe ich zuhause durch ein Vergrößerungsglas vor blauem Hintergrund gemacht, da man meiner Meinung nach sonst zu wenig erkannt hätte. Ich weiß, daß manche Bilder vom Fundort bevorzugen. Die kann ich heute leider nicht bieten.




    Die Mikromerkmale hab ich mir auch angeschaut. Wie immer bei mir sind die Farben falsch, alles ist ziemlich weiß oder durchscheinend.


    Drei Sporen habe ich vermessen:

    8 x 6 mu

    8 x 6 mu

    9,5 x 7 mu


    Die Sporen sind fast kugelig:




    Mein Eindruck war, daß die Basidien viersporig waren. Die Cheilozystiden waren keulig oder nadelig spitz zulaufend.




    Die Hutdeckschicht hat viele sehr kleine, fingerförmige Zystiden:




    Am Stiel ist mir nichts besonderes aufgefallen. Stark behaart ist er jedenfalls nicht:




    So, jetzt geht es ans Schlüsseln. Da die Sporen nicht elliptisch oder tropfenförmig waren, bin ich gleich zu den Rindenhelmlingen gesprungen. Die Merkmale passen für mich am besten zum Winter-Rindenhelmling (Phloeomana hiemalis). Kann das hinkommen?


    Vielen Dank für's Drüberkucken.


    Viele Grüße,

    Benjamin

  • Hallo Benjamin,

    wenn der Pilz auf einem liegenden Rindenstück gewachsen ist, würde ich ihn eher bei Hemimycena suchen, vielleicht delectabilis oder subglobispora oder so.


    Leider sind die "kleinen weißen" nicht so einfach. Auf jeden Fall müsstest Du für die Gattung Trama und Sporen in Melzers untersuchen. Dazu müstest Du dünnere Präparate untersuchen, also schneiden oder mit zwei Nadeln zerzupfen.

    Deine unteren Mikrobilder sehen auch so aus, als wäre Dein Mikroskop nicht optimal eingestellt - sitzt vielleicht der Kondensor zu tief (der soll nur einen Bruchteil eines Millimeters unter dem Objektträger liegen), oder hast Du nur die Blende bis zum Anschlag zugeknallt? Mit einer offenen Blende verlierst Du zwar Tiefenschärfe und Kontrast, gewinnst aber Auflösung, um feine Strukturen sichtbar zu machen.


    Grüße,


    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,


    vielen Dank für die Hinweise.


    Ich photographiere mit einer Bresser MikrOkular-Kamera. Durch die Kameraoptik oder den Weißabgleich entsteht der schlechte Eindruck, beim Blick durch das Okular ist das Bild viel besser. Wenn ich erfahrener wäre, würde ich abzeichnen, was ich sehe. Dafür muß man aber meiner Meinung nach besser wissen, worauf es ankommt. Was wäre denn grundlegend anders, wenn die Bilder besser wären? Daß man bestimmungsrelevante feine Strukturen besser sähe? Welche? Zystidenornamente? Die hab ich auch durch das Okular nicht gesehen... (Das Mikroskop an sich ist gut, es wurde von einem erfahrenen Pilzspezialisten vor etwas über einem Jahr überprüft. Was nicht gut ist, ist das Abbilden und die Erfahrung der Person am Mikroskop! ;()


    Jetzt zu der Art. Ich hab hier: https://mycena.no/lookalikes/subglobispora.htm nach Hemimycena subglobispora geschaut und die Beschreibung weicht durch die etwas kleineren Sporen und die Lamellenanzahl ("Lamellae very distant, 4-7") doch deutlich von dem ab, was ich gesehen habe.


    Hemimycena delectabilis würde ich wegen der Sporenform (nach 123Pilze 6,4-10,2 x 1,5-3,2 µm) völlig ausschließen wollen.


    Was hätte ich denn mit Melzers sehen können, was mir weiterhülfe? Amyloidität? Dextrinoidität?


    Ich bin für jede Anregung sehr dankbar.


    Viele Grüße,

    Benjamin

  • Hallo Benjamin ,

    Bei Mycena gibt es amyloide Sporen und dextrinoide Trama (nicht alle Arten), bei Hemimycena meines Wissens nicht.


    In beiden Gattungen gibt es bürstenartige Auswüchse besonders in der Huthaut, die man einfach sicherer beurteilen kann, wenn das Mikrobild keine Artefakte enthält. Die Bemerkung zu Mikro war eher allgemein, falls Du beim nächsten Pilz feinwarzige Sporen nicht siehst.


    Hemimycena delicatula hat laut Ludwig Sporen 7-8,5 x 4-5 my, laut Antonin 8-10 x 4-5,5 my.


    123 würde ich als Bestimmungsquelle ausschliessen wollen.

    Wenn's eine Mycena ist, wäre Fungi of Northern Europe 5 eine gute Wahl, ansonsten z.B. der Ludwig: Pilzkompendium Band 3 oder Gröger: Regensburger Mykologische Schriften 13.


    Grüße,


    Wolfgang

  • Nachtrag: ich hab' gerade gesehen, dass die Monographie von Antonin&Noordeloos frei im Netz steht:


    https://www.researchgate.net/profile/Machiel-Noordeloos/publication/343968613_A_monograph_of_the_genera_Hemimycena_Delicatula_Fayodia_Gamundia_Myxomphalia_Resinomycena_Ricknella_and_Xeromphalina_in_Europe/links/6660275f637e4448a37e1186/A-monograph-of-the-genera-Hemimycena-Delicatula-Fayodia-Gamundia-Myxomphalia-Resinomycena-Ricknella-and-Xeromphalina-in-Europe.pdf


    Wobei man ohne genauere Betrachtung der Hut-und Stielzystiden schon bei den Teilschlüsseln kämpft. Die Kombination aus breitelliptischen Sporen und reduzierten Lamellen ist aber nicht häufig.

  • So, jetzt bin ich zum Nacharbeiten gekommen. Ich habe Trama und Sporen mit Melzers benetzt und nach ein paar Minuten mehrfach Wasser zugegeben und mit Klopapier abgezogen. Wenn ich jetzt beides im Mikroskop betrachte, ist es gelb bis dunkelgelb. Wäre es rot oder braun, würde ich es als dextrinoid bezeichnen, wäre es grau oder blau oder violett, würde ich es als amyloid bezeichnen. Beides ist nicht der Fall.


    Wenn ich jetzt bei Antonin und Nordeloos den Gattungsschlüssel durchgehe, komm ich sofort bei Hemimycena raus, wie Wolfgang P. bereits nahegelegt hat. Im Hemimycenaschlüssel stoße ich aber auf Probleme. Ich komme entweder auf Hemimycena subglobispora oder auf Hemimycena rickenii. Bei subglobispora paßt die Lamellenanzahl nicht. Hemimycena rickenii finde ich im Winkler und in FoTE nicht. Bei Antonin und Nordeloos sind die Sporen deutlich schmaler angegeben, so daß ich diese Art eigentlich auch ausschließen möchte.


    Ein weiteres Problem habe ich mit dem Antonin-Nordeloos-Schlüssel. Die Gattung Phloeomana hat auch inamyloide Sporen. Wenn ich es recht verstehe, war Phloeomana 2004 noch Teil von Mycena. Aber bei Antonin und Nordeloos ist Inamyloidität im Gattungsschlüssel ein Ausschlußkritierium für Mycena.


    Ich meine immer noch, daß als Gattung Phloeomana am besten paßt. Meine Vermutung Ph. hiemalis ist etwas erschüttert, da die meisten Abbildung keine reinweißen, sondern leicht bis stark braune Hüte zeigen. Phloeomana alba soll aber Cheilozystiden mit Auswüchsen haben und die habe ich nicht gesehen.


    Bei nächster Gelegenheit arbeite ich noch etwas weiter, aber schwierig ist das Kleinzeugs schon... ;)


    Benjamin

  • Hallo Benjamin,


    ich würde hier auch Phloeomana sehen wollen. Die hiemalis kann auch vollständig weiß sein, i.d.R. ist sie das, wenn sie an dunklen Stellen mit wenig Licht wächst. So jedenfalls bei mir im Garten, wo ich die Art über Jahre an einem Stamm in Mengen beobachten konnte der Fall. Oben die typisch graulichen Hüte, versteckte Exemplare gern fast oder ganz weiß.

    Es gibt noch eine Art, nämlich Phloeomana minutula, die ist typischerweise weiß und unterscheidet sich mikroskopisch nicht so konstant, dass man die darüber immer gut abtrennen könnte. Die hat aber normal dichter stehende Lamellen und eine glattere HDS, weswegen hier mehr gegen minutula und für eine weiße Form von hiemalis spricht. Phloeomana alba hat auch noch viel deutlicher runde Sporen, die kann man ausschließen. Hemimycena wüsste ich mit solchen Merkmalen auch keine, auch wenn ich rein makroskopisch wohl eine vermutet hätte.


    Bei Mycena gibt es übrigens auch in der heutigen Gattungsabgrenzung noch genug Arten mit inamyloiden Sporen, z.B. bulbosa, acicula, aciculata, etc. Irgendwann werden die ggf. noch andere Gattungsnamen bekommen.


    Viele Grüße

    Matthias

    Je intensiver man sich mit Pilzen beschäftigt, desto komplizierter wird es, sie zu bestimmen.

  • Hallo Matthias,


    ah, mir fällt ein, daß ich eine Information unterschlagen habe, die wohl wichtig ist: ich habe den Fruchtkörper gefunden, indem ich die Streuschicht des Waldbodens beiseitegeschoben habe. Der Pilz war also vorher völlig bedeckt, was den reinweißen Hut erklären könnte.


    Die Frage von Wolfgang P., ob die Blätter so reduziert sein können, finde ich spannend und sehr berechtigt. Bei Winkler oder FoTE finde ich nichts dazu. In Fungi of Temperate Europe werden allerdings Fruchtkörper von Phloeomana alba und Phloeomana speira abgebildet, bei denen die Lamellen auch reduziert wirken und im Text wird angegeben, daß sie Phloeomana hiemalis ähneln können, aber etwas andere Sporen haben. Hätten die Lamellen sich mit mehr Zeit und mehr Licht noch "ausgebreitet"?


    Viele Grüße,

    Benjamin

  • Hallo Wolfgang und Benjamin,


    das irritiert mich makroskopisch auch, dass die Lamellen nicht voll ausgeprägt scheinen, typisch ist das nicht und ich hab es in der Form auch noch nicht selbst gesehen. Allerdings konnte ich bei kleineren Exemplaren, die ich im Garten hatte, schon sehen, dass zumindest die Zwischenlamellen etwas aderig wirkten, insofern könnte so eine Ausprägung durchaus noch im Bereich des Möglichen sein. Jedenfalls sehe ich das als wahrscheinlichste Option an, denn nach den reinen Mikromerkmalen würde alles passen, was man sehen kann und eine Alternative wüsste ich nicht. Stimmen muss es trotzdem nicht und ich fürchte bei einem weißen Einzelexemplar, das atypisch ausgeprägt scheint, wird man nur per DNA wirklich 100% Sicherheit bekommen können, was es wirklich ist. Es kann ja auch was Neues sein, aber da müsste ich mehr Argumente sehen, dass ich davon zu überzeugen wäre. So lange bleibe ich bei der nach meiner Meinung wahrscheinlichsten These, eine einzelne an nicht optimalem Standort gewachsene Phloeomana hiemalis, die deswegen makroskopisch atypisch aussieht.


    Aber ich hoffe dennoch, dass es insb. für Dich, Benjamin, einen deutlichen Erkenntnisgewinn hatte, das Exemplar zu untersuchen. Es gibt in dem Bereich mycenoide Pilze, insb. die ganz unscheinbaren, grau und weiß, immer noch viel zu forschen und auch bei uns neue Arten zu entdecken. Ich hab in meinem Archiv z.B. einen Mycopan aff scabripes, der auch sequenziert ist, und morphologisch wie genetisch eine M. scabripes nahestehende Art darstellt, die aber weder optisch (herablaufende Lamellen), noch mikroskopisch (Sporen viel zu lang und schmal), noch genetisch (ITS stimmt mit keiner öffentlich zugänglichen Sequenz überein) mit einer beschriebenen Art zusammenpasst und das bei bis 2 cm Hutdurchmesser. Bei den kleinen gibts bestimmt noch mehr zu entdecken und bestehende morphologische Konzepte müssen sicher auch noch erweitert werden, weil oft schaut sowas kaum jemand an und gerade da lohnt sichs dann hinzuschauen. :)


    Viele Grüße

    Matthias

    Je intensiver man sich mit Pilzen beschäftigt, desto komplizierter wird es, sie zu bestimmen.

  • Das hat mir sehr weitergeholfen. Vielen Dank für die tollen Antworten.


    Benjamin