Hallo,
ich möchte einen auffälligen Fund vom letzten Wochenende zeigen, der sogar mal äußert einfach zu bestimmen war - und das obwohl die Flechte ohne die typischen, namensgebende Fruchtkörper daherkommt.
Ein paar Meter abseits des Wanderweges am Omerskopf im Nordschwarzwald (in etwa 820 Höhe) erhebt sich ein etwa 4 m höher Felsen, die von Nadelbäumen beschattet wird.
Dahinter fällt der Berghang steil in die Tiefe ab.
Bild 1) Felsen mit beschatteter Vertikalfläche, mit regengeschützten Stellen
Erst wenn man dicht davor steht - nein nicht zu dem Zweck, den ihr vielleicht denkt - lösen sich seltsam trentepohlia-orange Flecken vom Untergrund.
Bild 2) Rostrote Flecken unter Überhang
Trentepohlia-Kolonien? Nein!
Bild 3) Krustenflechten auf Silikat
Das Zentrum der Flechten ist orange sorediös, umgeben von einem sehr dünnen Thallus, der weinrot bis bräunlich violett gefärbt ist.
Stellenweise ist ein dünner, dunkler Vorthallus erkannbar.
Bild 4) Opegrapha gyrocarpa in steriler Ausführung mit deutlichem Thallus
Bild 5) Flechte mit unscheinbarem Thallus, rechts der orangen Sorale erkennbar.
Links oben ein weiterer Thallus, bei dem die Bildung der Sorale gerade erst beginnt.
Die Probennahme ist sehr schwierig, das Kratzzen löst nur wenige winzige Krümel ab.
Die Kratzspur ist deutlich gelborange:
Bild 6) Orangegelbe Kratzspuren bei der Probennahme deuten auf Trentepohlia hin
Die Flechte ist so ungewöhnlich in der Kombination ihrer Eigenschaften, dass sie schon jetzt in wenigen Schritten erschlüsselt werden kann, obwohl sie keine Fruchtkörper ausgebildet hat:
Der UV-Test gelingt mit der winzigen Menge an Pobenmaterial nicht, aber ein Färbetest gelingt unter dem Mikrosop leicht, da reicht mit etwas Glück eine einzelne Soredie:
Bild 7) Soredie in Wasser unter dem Mikroskop (leider unscharf), die grüne Färbung der Soredie wird trotzdem deutlich.
Bild 8) Trentepohlia-Algenzellen mit typisch orangen Organellen
Bild 9) Natriumhypochlorid von links einströmend, erzeugt am Rand der Soredie eine flüchtige, rote Verfärbung.
Bild mit Weißabgleich auf den Papierhintergrund, Farben etwas betont (wie auch Bild 7).
Die Verfärbung ist im Vergleich mit Bild 7 gut erkennbar.
Die Flüssigkeit zwischen den Hyphen und Algenzellen verfärbt sich rosa. Die geforderte C+ rote Reaktion ist nachgewiesen.
Die Flechte gilt zwar als "selten", ist aber sogar im Krischbaum-Büchlein enthalten, mit als Kalkland-Flachland-Tiroler bisher natürlich unbekannt gewesen.
Alle Beobachtungen passen sehr gut zur Beschreibung von Opegrapha gyrocarpa, insbesondere auch das Habitat.
Das Werk "Die Flechten Deutschlands" weiß hierzu: "Auf kalkfreiem Silikat, ... sehr regengeschützten Vertikal- und Überhangflächen von Felsen, ...montan bis hochmontan ... niederschlagsreiche Lagen, ..."
Sie soll aber auch im Tiefland z.B. an nordexponierten Kirchenmauern auffindbar sein.
LG, Martin